Gastartikel von Annette Hartmann

Besser leben ohne Plastik – nachdem ich im Herbst 2017 in dem gleichnamigen Vortrag von Nadine Schubert war und ihr Buch gelesen hatte, suchte ich nach Alternativen für die „Hemdchenbeutel“ aus Plastik, die ich bislang für Obst- und Gemüseeinkäufe im Supermarkt genutzt hatte.

Ich brauchte einen Stoff mit diesen Eigenschaften:

  • durchsichtig, damit die Kassiererin die Sorte von Obst oder Gemüse schnell erkennen kann
  • leicht, damit ich nur wenig für das Gewicht meines eigenen Beutels draufzahle
  • stabil genug für mindestens ein Kilo Ware
  • leicht waschbar, denn reifes Obst und Gemüse macht nunmal beim Transport Flecken.

Die Wahl fiel auf einen ganz dünnen Dekostoff aus Kunstfaser, den ich mal als Gardinenschal gekauft hatte. Hier meine apfelgrünen Prototypen, die ich vorsichtig am Boden und am Rand umnähte und alle offenen Stoffkanten mit Zickzackstich einsäumte:

Grüne Beutel

Die Henkel gestaltete ich nach dem Vorbild von bestimmten Frühstücksbeuteln zwecks der Abwechslung mal mit seitlichen Überständen, mal mit mittigen Überständen, was übrigens beim Zuschneiden Stoff und Arbeit spart. In beiden Fällen können aus den zwei Überständen Knoten gebunden werden, die sich auch wieder gut öffnen lassen. Beide Zuschnittformen erwiesen sich übrigens als gleich gut verwend- und haltbar.

Meine sonstigen Erfahrungen mit einem Dutzend Frischenetzen, die ich auch im Freundeskreis auf Praxistauglichkeit testen ließ: Die Dinger müssen dort platziert werden, wo sie automatisch auf Einkaufstouren mitkommen. Anfangs haben wir allesamt die schönen neuen Beutel immer zuhause liegen gehabt und mußten im Laden zähneknirschend wieder auf Plastik oder die hohle Hand zurückgreifen. Den geeigneten Aufbewahrungsort möge jede Erstanwenderin erstmal finden und sich an die konsequente Platzierung gewöhnen, beim Radler der Gepäckträger oder Fahrradkorb, bei der Autofahrerin der Kofferraum oder bei Fußgängern der Einkaufskorb.

Reaktionen im Laden bzw. auf dem Wochenmarkt: Das Verkaufspersonal war neugierig-aufgeschlossen und positiv. Typische Kommentare: „gute Idee“ und „hab ich noch nie gesehen!“ Das Kassenpersonal im Supermarkt zeigte sich durchwegs überrascht aber begeistert, da die Handhabung funktionierte. In keinem einzigen Fall mußte der Beutel aufgeknotet werden, um die Ware näher bestimmen zu können. Mit einem Gewicht von drei bis vier Gramm waren meine Beutel superleicht – somit vernachlässigbare Mehrkosten durch meine mitgebrachte Verpackung – und sie halten jetzt schon seit sechs Monaten der Belastung stand. Etwas ausgerissen sind nur die spitzen Zipfel der seitlichen Überstände an jenen Stellen, wo ich zu ungenau mit Zickzack eingesäumt hatte, aber wirkliche Schäden im Sinne von Rissen an der Naht oder von Löchern im Gewebe gab es keine. Erfreut stellte ich fest: Meine Prototypen hatten den Test bestanden.

Ich experimentierte mit den Maßen:

  • Ideal als Richtmaß ist „DINA 4 Blatt plus eine Handbreit Rand“ Mit Nahtzugabe ergibt sich eine Breite von etwa 28 cm und eine Höhe von 32 cm plus die Überstände für den Knoten, macht eine Höhe von ca. 44 bis 45 cm.
  • Besonders hohe und schlanke Beutel lassen sich schwerer mit Ware befüllen, bei 20 cm „Kragenweite“ ist definitiv Schluss.
  • Besonders breite Beutel wie das fast quadratische Maß von 32 cm Breite und 34 cm Höhe lassen sich schwerer zuknoten, sie können jedenfalls dann nicht mehr komplett gefüllt werden. Meine Freundin legt sie offen aufs Kassenband, sie berichtet, bei dem Volumen insgesamt kullert normalerweise nichts oben heraus.

Und damit sind wir bei den fortgeschrittenen und größeren Exemplaren, gefertigt aus einem modernen Gardinenstoff mit aufgedruckten weißen Balken und einer silbernen Schrift. Sie erschienen mir so schön, dass ich sie zu Weihnachten verschenkte und kamen auch gut bei den Beschenkten an.

Beutel Dignity

Der Stoff ist etwas strapazierfähiger als der dünne Prototyp und lässt sich auch leichter vernähen. Aber leider keine Schönheit ohne Schönheitsfehler: Dieses hier gezeigte Design wiegt das Vier- bis Fünffache pro Beutel, nämlich 12 bis 15 Gramm. Zurückgestutzt auf das obengenannte Richtmaß vom DIN A4-Blatt plus Handbreite bleiben immer noch 8 bis 10 Gramm übrig, die bei jedem Einkauf mitwiegen. Für den Möhrenkauf egal, für teurere Inhalt vielleicht nicht egal?
Andererseits bringen meine beschrifteten „Designerbeutel“ ein besonderes Extra mit: Die Begriffe auf dem Stoff sind alle aussagestark und positiv besetzt, z.B. „dignity“ (Würde), „laughs“ (lacht) oder „strengths“ (Stärken). Da freut sich der sprachpsychologisch sensible Mensch! Wer seine Lebensmittel so verpackt, kann sich in vielfältiger Weise glücklich schätzen.

Trotz Ankündigung mehrerer großer Lebensmittelketten im Herbst 2017 sehe ich bisher (Stand März 2018) in meinem Umfeld München und auf dem Land nahe Ingolstadt keine industriell angebotenen Frischenetze. Andere Öko-Bewußte haben im Internet Häkelbeutel und die klassischen Baumwollbeutel ins Spiel gebracht, die vielleicht für Wochenmärkte taugen aber weder leicht noch durchsichtig noch waschbar sind und somit nach meiner Einschätzung für die eilige Supermarktkasse unbrauchbar sind. Solange der Lebensmitteleinzelhandel keine wiederverwendbaren Obstbeutel anbietet, heißt es selbermachen!

Viel Spaß beim Nähen und umweltfreundlichen Einkaufen.

Dr. Annette Hartmann

Dr. Annette Hartmann hat mit Alternativen zum Hemdchenbeutel experimentiert und eine Idee entwickelt, die sie mit Euch teilen möchte.

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